VUCA: Blaue Welt – Rote Welt


Die Begriffe „Blaue Welt“ und „Rote Welt“ werden in Verbindung mit dem Konzept der „VUCA-Welt“ (volatility, uncertainty, complexity, ambiguity) verwendet. Die Blaue Welt beschreibt eine Welt, in der die Regeln bekannt sind und in der man sich auf bestehende Prozesse und Strukturen verlassen kann. Diese Welt ist oft stabil und vorhersehbar. Im Gegensatz dazu beschreibt die Rote Welt eine Welt, in der die Regeln unklar sind und sich schnell ändern können. Sie ist unsicher, komplex und undurchsichtig. In dieser Welt müssen sich Unternehmen und Individuen auf Flexibilität und Anpassungsfähigkeit einstellen, um erfolgreich zu sein.

 

Prozesse in der blauen Welt werden als beherrschbar postuliert und sind in der Regel abgesichert. Auch wenn der eigentliche Prozess gar nicht bekannt ist, so kann man in der Regel davon ausgehen, daß der Prozess einen Prozesseigner hat, die jeweiligen Prozessschritte den Prozessbeteiligten bekannt sind und ein fehlerfreier Prozessablauf zumindest geplant ist.

 

Von Außen betrachtet läuft diese Art von Prozessen quasi selbständig ab; bestimmte Prozesse können sogar von Prozessunbeteiligten angestoßen werden und entfalten trotzdem vorhersehbar und zuverlässig ihre Wirkungen.

Als Beispiel kann hier eine Unfallmeldung zu einem Verkehrsunfall betrachtet werden. Welche Prozessschritte im Hintergrund ablaufen, wo die Leitstelle überhaupt sitzt und an wen, welche Informationen weitergeleitet werden, ist dem Unfallverursacher gar nicht bekannt.

Jedoch wissen wir alle, daß nach einem Unfall die Rufnummer 110 zu wählen ist. Gibt es Verletzte, so wird ein Rettungswagen losgeschickt. Brennt es, kommt die Feuerwehr und läuft Treibstoff oder Öl aus dem Unfallfahrzeug, so kommt das Technische Hilfswerk dazu; die Polizei ist immer informiert.

Anders verhält es sich jedoch in der roten Welt. Corona hat mehr als deutlich gezeigt, was passiert wenn plötzlich und unvorhersehbar Ereignisse eintreten, die nahezu alle Geschäftsmodelle betreffen und die bekannten Mechanismen nicht mehr greifen. Es galt schnell und effizient Entscheidungen zu treffen und neue Geschäftsmodelle zu etablieren.

Plötzlich war flächendeckendes Arbeiten aus dem Homeoffice möglich, Restauranthotels haben Lieferdienste etabliert und Kinder wurden zu hause beschult. Doch dafür standen keine bekannten und gut eingelaufenen Prozesse zur Verfügung. Häufig wurde sogar völliges Neuland betreten; es gibt keine Ansprechpartner, es gibt keinen geregelten Informationsfluss oder abgestimmte Entscheidungshierarchien.

  • Wer trifft eine notwendige Entscheidung?
  • Auf welcher Informationsgrundlage trifft er diese?
  • Und ist derjenige überhaupt befugt, diese Entscheidung zu treffen?

In extremen Situationen treffen dann gut ausgebildete und motivierte Mitarbeiter mit durchaus innovativen Ideen und guten Vorgehensweisen auf Vorgesetzte, die einerseits den Ernst der Lage verkennen und vielleicht gar kein Interesse an Veränderungen haben.

Werden Informationen und gute Ideen an Vorgesetze übergeben, die offensichtlich keinen Handlungswillen zeigen und diese unsicheren Prozesse ausbremsen, so führt dies oftmals zu Frustration und trägt in ohnehin schwierigen Zeiten zu erhöhter Mitarbeiterfluktuation bei.

Ein Beispiel für eine nicht unmittelbar zu verstehende Situation könnte wie folgt formuliert werden: Das wichtigste Produkt eines Unternehmens wird über Nacht nicht mehr gekauft! Trotz Benchmarkings, Marktbeobachtung, Preispolitik, Umfragen und aller weiteren Maßnahmen ist nicht zu verstehen, warum die Kunden das Produkt nicht mehr annehmen.

Keine der bekannten Vorgehensweisen bringt hier neue und verlässliche Informationen. Wie ist vorzugehen, wer ist zu informieren, wer kann Entscheidungen treffen?